“Land ohne Zukunft” – Russland im vierten Kriegsjahr

Lesedauer 6 Minuten

Der großangelegte Überfall Russlands jährt sich in wenigen Wochen nun zum vierten Mal. Erst kürzlich wurde vermerkt, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine nun schon länger dauert als der sogenannte „Große vaterländische Krieg“, mit dem der Krieg der UdSSR gegen Nazi-Deutschland bezeichnet wird. Anlässlich des anstehenden vierten Jahrestages des Großüberfalls Russlands auf die Ukraine haben die FAZ und der Deutschlandfunk versucht, mit Lew Gudkow, Soziologe und wissenschaftlicher Leiter des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum in Moskau, einen Einblick in den Zustand und das Denken und Fühlen der russischen Gesellschaft im vierten Jahr des Krieges zu erhalten. Diese erscheint in den von Lev Gudkov analysierten Materialien als ein von Angst, Zynismus und organisierter Zustimmung zusammengehaltenes Gemeinwesen, in dem der Krieg gegen die Ukraine nicht trotz, sondern wegen eines hochgradig manipulierten Informationsraums getragen wird. Während die Ukraine und Europa als Gegenbilder fungieren, zeigt sich Russland als „Land ohne Zukunft“, das seine Identität aus einer glorifizierten Vergangenheit und aus Feindbildern bezieht, ohne glaubhafte positive Perspektive zu entwickeln.

Das Lewada‑Zentrum als Fenster in ein verschlossenes Land

Am Anfang steht das Lewada‑Zentrum als paradoxes Symbol: Es ist eines der wenigen professionellen und vergleichsweise unabhängigen Institute, das mit standardisierten Stichproben und offengelegten Methoden versucht, ein Bild der russischen Öffentlichkeit zu zeichnen – und operiert doch in einem Kontext, der jede Messung systematisch verzerrt. Der Status als „ausländischer Agent“, den das Justizministerium 2016 nach einer politisch motivierten Kampagne verlieh, markiert die institutionelle Disziplinierung eines Akteurs, der gerade dadurch gefährlich wird, dass er die innere Verfasstheit der Gesellschaft sichtbar macht.

In den Umfragen, die als relativ solide, aber unter Kriegsbedingungen nur eingeschränkt belastbar gelten, zeichnet sich bereits die zentrale Pointe von Gudkovs Analyse ab: Meinungsdaten sind weniger Ausdruck „wahrer Überzeugungen“ als Indikator dessen, was in einem Klima von Repression, Informalisierung und Selbstzensur überhaupt noch sagbar ist. Wer in Russland antwortet, antwortet nicht nur dem Interviewer, sondern auch einem imaginären Staat – und wägt mit, wie riskant jede Aussage sein könnte.

Angst, organisierter Konsens und moralische Erosion

Die Interviews, die Gudkov in FAZ und Deutschlandfunk gibt, beschreiben eine Gesellschaft, in der Angst längst keine Ausnahme, sondern der leise Hintergrund des Alltags ist. Seit der stalinistischen Gewalt sei Angst ein historisch verankertes Grundgefühl, das im Putin‑System neu aktiviert und zur Konsolidierung der Macht genutzt werde: Die Menschen lernen von Kindheit an, welche Themen tabu sind, beginnen ihre eigenen Gedanken zu kontrollieren und brechen innere Einwände ab, bevor sie politisch werden können.

In diesem Klima entsteht das, was Gudkov „organisierten Konsens“ nennt: Die offiziell gemessenen 80 bis 85 Prozent Zustimmung zu Putin sind weniger Ausdruck enthusiastischer Unterstützung als eine Art Schutzschild, das den privaten Raum sichert. Zustimmung wird zur Versicherung gegen Risiken, nicht zur Bekräftigung echter Loyalität; sie gehört zum Repertoire des Überlebens in einem Staat, der Unangepasste durch Repression, Strafandrohungen und soziale Ausgrenzung markiert.

Gleichzeitig führt die totale Kontrolle des Informationsraums zu einer moralischen Desorientierung, die den Krieg überhaupt erst tragfähig macht. Wenn Fernsehen und staatlich dominierte Medien die einzige relevante Realität definieren, wird der Angriff auf die Ukraine in ein Narrativ der Selbstverteidigung gegen den „kollektiven Westen“ umgeschrieben, in dem Russland Opfer einer feindlichen Umzingelung ist und seine Gewalt als präventiver Schutz erscheint.

Kriegsmüdigkeit ohne Frieden: Kriegsmüde und Kriegsbereit.

Bemerkenswert ist, dass die russische Gesellschaft laut den von Gudkov interpretierten Umfragen zugleich kriegsmüde und kriegsbereit ist: Etwa zwei Drittel wünschen ein rasches Ende der Kämpfe, während eine stabile Minderheit von rund einem Viertel auf einen Krieg „bis zum Sieg“ drängt. Friedensbereitschaft bedeutet allerdings nicht Akzeptanz einer Niederlage, sondern wird vor allem als Kapitulation der Ukraine verstanden – rund 70 Prozent würden nach Gudkov eine Entscheidung Putins unterstützen, die Kämpfe nur dann zu beenden, wenn Kiew die besetzten Gebiete räumt und formell nachgibt.

So entsteht eine Konstellation, in der der Wunsch nach Ruhe mit der Akzeptanz einer „Niederlage der Ukraine ohne Barmherzigkeit“ verschmilzt. Die entmenschlichende Kriegsrhetorik, die Ukraine und Westen zu Feinden einer bedrohten russischen Zivilisation stilisiert, verschiebt die moralische Wahrnehmung: Verbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung lösen bei der Masse kaum Scham aus; nur 6 bis 8 Prozent – überwiegend jüngere Menschen – empfinden laut Gudkov ein ausgeprägtes Schuldgefühl.

Diese moralische Abstumpfung zeigt sich auch im Umgang mit eigenen Verlusten: Gefallene werden verschwiegen, unabhängige Berichte kriminalisiert, und da ein Teil der Kämpfer aus Söldnern und Strafgefangenen besteht, dominiert Gleichgültigkeit statt Empathie. Der Krieg ist damit nicht nur ein militärisches, sondern ein tiefgreifend moralisches Projekt, das die Grenzen des Mitgefühls verschiebt und das, was als normal gilt, neu definiert.

Feindbilder, Sehnsucht und die Spiegelung Europas

Gudkovs Untersuchungen zu „Feinden, Gegnern und Partnern Russlands“ zeigen eine Gesellschaft, die sich über ihre Gegner definiert und zugleich heimlich an einem Idealbild Europas festhält. Offiziell dominiert eine moralisierende Anti‑West‑Rhetorik: Europa erscheint als verrottet, von christlichen Wurzeln losgelöst, den USA unterworfen; die USA selbst werden mit 70 Prozent Negativurteilen als zentrale Bedrohung wahrgenommen, gefolgt von Großbritannien und Deutschland.

Doch unter dieser Oberfläche bleibt Europa im Massenbewusstsein eine Projektion von Wohlstand, Freiheit und starken Sozialsystemen, wie viele Russinnen und Russen eigentlich leben möchten; 65 bis 70 Prozent fühlen sich persönlich nicht feindselig gegenüber Europa. Diese Ambivalenz lässt sich als Ausdruck eines tiefen Minderwertigkeitskomplexes lesen: Die Führung kompensiert das Scheitern der demokratischen Transformation und die wahrgenommene Rückständigkeit durch die Inszenierung imperialer Größe und Konfrontation mit dem Westen – ein Angebot, das Stolz verschafft, indem es die Demütigung überdeckt.

Die Ukraine wird in dieser Konstellation zum besonders irritierenden Spiegel: Ein schwacher, korrupter, aber durchlässiger Staat, dessen lebendige Zivilgesellschaft Solidarität und Widerstandskraft mobilisiert und damit genau jene Modernisierung verkörpert, die Russland verpasst hat. Für Gudkov erklärt sich die russische Aggression aus einer „Reaktion eines Neurotikers“, der den Erfolg des Nachbarn als narzisstische Kränkung erlebt und aus Neid und Ressentiment zur Gewalt greift.

Europa wiederum erscheint in Gudkovs Diagnose als ökonomisch stark, politisch aber zögerlich und von „moralischem Relativismus“ geprägt, unfähig, die Gefahr des Putin‑Regimes klar zu benennen. Dass Europa keine eigene Armee besitzt, deutet er symbolisch als Ausdruck fehlender strategischer Klarheit – eine Kritik, die das westliche Selbstbild eines postmilitärischen Friedensprojekts radikal hinterfragt.

Neo‑Totalitarismus und das „Land ohne Zukunft“

Im Ausblick verdichtet Gudkov seine Analyse zu der düsteren Formel eines „Landes ohne Zukunft“. Russland befinde sich in einer neo‑totalitären Entwicklung, die auf Angst, inneren Säuberungen, ideologischer Mobilisierung und der Zerschlagung jeder organisierten Opposition beruht. Die nächsten fünf bis sieben Jahre beschreibt er als Periode des Niedergangs: Der Krieg endet nicht schnell, die Wirtschaft blutet schrittweise aus, und die Bevölkerung passt sich noch stärker einem autoritären System an, das kaum noch auf Zustimmung, sondern vor allem auf Lähmung setzt.

Diese Perspektivlosigkeit zeigt sich in einer Gesellschaft, die ihre Identität aus einer heroisierten Vergangenheit und der Vorstellung von Großmacht ableitet, aber kaum positive Zukunftsbilder entwickeln kann. Anstelle eines „nach vorne“ tritt ein Kreislauf aus Isolation, Zynismus und innerer Emigration, der nur durch äußere Schocks – militärische Niederlagen, tiefe wirtschaftliche Krisen oder innere Machtkämpfe – durchbrochen werden könnte.

Dem steht die Ukraine gegenüber, deren gesellschaftliche Stärke aus Zivilcourage, freiwilligem Engagement und der klaren Entscheidung für Europa erwächst. In dieser Gegenüberstellung verschiebt sich der Fokus: Der Krieg ist nicht nur eine Auseinandersetzung um Territorien, sondern ein Konflikt um politische Kultur, um den Umgang mit Angst und um die Fähigkeit von Gesellschaften, Realität und Propaganda auseinanderzuhalten.

So ergibt sich aus den zusammengestellten Analysen Gudkovs ein Bild Russlands, das weniger als kasernierte „Kriegsgesellschaft“ denn als erzwungen integrierte, verängstigte und zugleich zynisch gewordene Gesellschaft erscheint, deren passiver Konsens die Fortsetzung des Krieges ermöglicht. Das Essayhafte dieser Diagnose liegt darin, dass es nicht bei der Beschreibung stehen bleibt, sondern die Frage aufwirft, wie lange eine Ordnung überleben kann, die von der Angst ihrer Bürger lebt und doch keine Antwort auf deren Zukunft hat.


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