An der Außengrenze: Narva

Lesedauer 4 Minuten

Bei meinem nunmehr dritten Besuch in Estlands Hauptstadt Tallinn ergab sich dank eines passenden Zeitfensters die Gelegenheit, mit einer Überlandfahrt auch etwas von dem nördlichsten Baltenstaat zu sehen. Die Fahrt führte mit der Bahn von Tallinn nach Narva im Nordosten des Landes, direkt an die russische Grenze. Narva war mir noch ein Begriff, weil die Esten dort neulich anlässlich der Feierlichkeiten zum 09.05.23 an der Festung unweit des Grenzübergangs ein Plakat angebracht hatten, in dem der russische Präsident Putin gut sichtbar als Kriegsverbrecher betitelt wurde.

Blick auf die Stadt Narva

Die Strecke von Tallinn nach Narva beträgt knapp 210km und die modernen Dieseltriebzüge der estnischen Bahn brauchen knapp 2 1/2 Stunden. Der D-Zug von Tallinn über Narva, Sankt Petersburg nach Moskau fährt schon seit geraumer Zeit nicht mehr, wie fast alle Nachtzüge aus der EU nach Russland und Belarus. Die Covid-Pandemie mit ihren Reisebeschränkungen setzte ihm 2020 ein Ende. Eine Wiederaufnahme der Verbindung unter den heutigen politischen Gegebenheiten ist gegenwärtig nicht denkbar. Mit seinen knapp 55.000 Einwohnern ist Narva die drittgrößte Stadt in Estland. Der Weg dorthin führt durch eine sattgrüne Wald und Wiesenlandschaft.

Bahnhof Narva: Endstation für Personenverkehr

Die Grenze zwischen Narva, auf estnischer Seite, und dem russischen Ivangorod, markiert eine historisch bedeutende Trennlinie zwischen Estland und Russland. Die Grenze erstreckt sich hier entlang des Flusses Narva, der eine natürliche Grenze zwischen den beiden Ländern bildet.

Stadtbild Narva

Die Stadt Narva war aufgrund ihrer strategischen Lage schon immer ein umkämpftes Gebiet zwischen den verschiedenen Mächten Europas, die markante Herrmans-Festung, die zurück ins 13. Jahrhundert reicht, ist ein Zeugnis der wechselhaften Geschichte.

Blick auf den Grenzübergang auf russischer Seite

Im Jahr 1704 fand die Schlacht von Narva zwischen den Truppen des schwedischen Königs Karl XII. und der russischen Armee unter der Führung von Peter dem Großen statt. Markant stehen sich die beiden Wehranlagen gegenüber, getrennt durch den Fluss. Auf estnischer Seite hat man entlang des Ufers einen Boulevard angelegt, es gibt Anlagen zum Schwimmen und Sonnenbaden.

Die Passkontrolle am Bahnhof wird derzeit nicht mehr gebraucht

Die Grenze zwischen Narva und Ivangorod wurde während des 20. Jahrhunderts von politischen Veränderungen und Konflikten geprägt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des russischen Reiches wurde Estland 1918 unabhängig und die Grenze zwischen den beiden Ländern wurde festgelegt. Während der Zeit der sowjetischen Besatzung Estlands von 1940 bis 1991 wurde die Grenze zwischen Narva und Ivangorod zu einer Grenze zwischen der Sowjetunion und dem besetzten Estland.

Russischer Grenzstein

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Wiedererlangung der estnischen Unabhängigkeit im Jahr 1991 wurde die Grenze zwischen Narva und Ivangorod erneut zu einer internationalen Grenze. Estland wurde Mitglied der Europäischen Union und der NATO. Damit wurde die Grenze bei Narva zu einer EU-, Schengen und NATO-Außengrenze.

Festung Ivangorod

Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine rückt auch dieser Teil der NATO-Außengrenze wieder in den internationalen Fokus. Estland hat angekündigt, seine Grenze zu Russland befestigen und ausbauen zu wollen. Der Personen-Zugverkehr über die Narva ist eingestellt, das Häuschen für die Passkontrolle ist abgesperrt und verwaist.

Auch der kleine Grenzverkehr zwischen beiden Städten rollt nicht mehr. Wer aus Russland ausreisen kann und noch ein Schengen-Visum erhält, nutzt den Grenzübergang Narva, um Russland endgültig zu verlassen.



Posted from Estland.

Last Updated on 27. December 2023 by Lupo



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