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Kein Paradies in Sicht – Dorota Masłowska blickt auf die polnische Gesellschaft

Lesedauer 3 Minuten

Dorota Masłowska zählt zu den bedeutendsten polnischen Gegenwartsautorinnen. Der Deutschlandfunk nennt sie bereits „eine Institution“. Am 3. Juli 1983 im polnischen Wejherowo in der polnischen Woiwodschaft Pommern geboren, studierte sie zunächst in Danzig Psychologie und wechselte dann zu Kulturwissenschaften nach Warschau. Mit 18 Jahren schrieb Masłowska ihren Debütroman „Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną“ (dt. Schneeweiß und Russenrot, 2002), der gleich zum Bestseller aufstieg und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Ihr zweites Buch “Paw królowej” (dt. “Die Reiherkönigin“, 2005) brachte ihr 2006 den Nike-Preis ein, den wichtigsten polnischen Literaturpreis. Es folgten weitere erfolgreiche Romane wie „Andere Leute“ (2019) und “Bowie in Warschau” (2022) sowie Preise wie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Samuel-Bogumił-Linde-Preis 2020.

Wie bereits in ihrem Roman „Andere Leute“, den die NZZ als ein „Sittenbild aus der grässlich-grau glitzernden Hauptstadt zwischen schamlosem Reichtum und bitterer Kleinkriminalität“ bezeichnet, fällt auch in Masłowskas neuestem Werk „Im Paradies“ ihre derb-schillernde Sprache auf. Doch im Unterschied zum Vorgänger ist der Ton hier zurückhaltender, das Tempo gedrosselt und der Fokus präziser: „Im Paradies“ wirkt konkreter, ernster und stärker fragmentiert. Ihre Welt, so schreibt der Deutschlandfunk über das jüngste Buch, ist die der „Abgehängten und Derangierten: zerstörte Familien, unglückliche Beziehungen, prekäre Jobs (falls überhaupt vorhanden), geschundene Leiber, und so doch mal ein paar Złoty übrig sind: kaputte Nasenscheidewände vom billigen Koks.“

Die in dem kleinen Band angelegten, in sich abgeschlossenen Erzählungen verknüpfen mehrere Lebenswege: einen machohaften Banker und Aufreißer, einen Werbefilmer im Kokainrausch, einen jugendlichen Angler und eine Schwimmerin in Lebensgefahr, deren Existenzen sich auf überraschende, teils „magische“ Weise kreuzen. Masłowska zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der Realitäten und individuelle Lebenswelten auseinanderdriften und die Figuren in einer Sphäre aus Schein, Einsamkeit und sozialem Abstieg gefangen bleiben.

„Die Inhaberin bisschen wie aus Meeresschaum. Auf Instagram Ex-Model, real weniger. Man könnte sagen: nicht ganz ausgeschlafen. Weniger gekämmt, dafür hebt sie in ihren Tränensäcken vermutlich Kinkerlitzchen auf, Taschentücher, Ersatzaugen. Glaubt mir, ich kenne diesen Typ. Tausende davon habe ich gesehen, nur nicht so extravegan angezogen. Die Frau stand kurz vorm Zusammenbruch. Sie hatte eminent nicht mehr alle beisammen. Guckt ins Weite, schluckt Spucke und riecht trist aus dem Mund, als sie erzählt, dass sie erst während der Pandemie so richtig heiß aufs Backen wurde usw., dass sie selbst hausgemachtes Gebäck liebt. Aber das kommt ihr so verquetscht über die Lippen, als hätte sie da drinnen lauter Rasierklingen, Dolche und Zirkel, die ihr alles zerrissen haben, und sie müsste jetzt diesen Text mühsam von den Fetzen ablesen, den Übrigbleibseln ihrer selbst.“

Und so wirft Dorota Masłowska in ihrem Erzählband einen schonungslosen und kritischen Blick auf die polnische Gesellschaft, seziert Abgehängte in zerstörten Familien, prekären Jobs und toxischen Beziehungen, wo Wodka, Koks und Selfies vor der Leere schützen sollen. Es karikiert Neoliberalismus, überzogene Ideale und soziale Verwerfungen. Paradiesisch ist da gar nichts. Lesenswert ist das Buch allemal.

Dorota Masłowska, Im Paradies, Rowohlt Verlag, Berlin 2026. 160 Seiten, 24 Euro


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