Wenn am Sonntag, dem 7. Juni 2026, rund 2,5 Millionen Wahlberechtigte in Armenien zur Wahl aufgerufen sind, geht es diesmal um weit mehr als die Zusammensetzung der Nationalversammlung. Die erste regulär terminierte Parlamentswahl seit fast einem Jahrzehnt gerät gleich zum Referendum über die außenpolitische Grundausrichtung des Landes. Premierminister Nikol Paschinjan und seine Partei Zivilvertrag gelten als Favoriten und wollen den Kurs aus Friedenspolitik, EU-Annäherung und Distanz zu Russland fortsetzen. Mehrere oppositionelle Lager treten dagegen deutlich russlandfreundlicher auf. Beobachter in Brüssel, Washington und Moskau blicken so aufmerksam auf diese Abstimmung wie selten zuvor auf ein Votum in der Kaukasusrepublik.
Um die 101 Sitze in der Nationalversammlung bewerben sich neben dem Zivilvertrag 15 weitere Parteien und zwei Allianzen. Paschinjan führt seine Regierungspartei unter dem Schlagwort „Echtes Armenien“ in die Wahl: eine Republik, die ihre realen Grenzen und ihre geopolitische Lage nüchtern anerkennt und Isolation in Vermittlung umdeuten will – als Land in der Mitte, das Pipelines, Schienen und Straßen zu seinen Nachbarn baut. Was die Regierung als Pragmatismus und Realpolitik versteht, gilt ihren Gegnern als Verrat, Kapitulation und Ausverkauf.
Als wichtigster Herausforderer gilt das erst Ende 2025 gegründete Bündnis „Starkes Armenien“ um den russisch-armenischen Milliardär Samwel Karapetjan. Kritiker sehen in ihm einen Mann Moskaus; Recherchen verwiesen zuletzt auf direkte Verbindungen zum russischen Geheimdienst FSB. Karapetjan, Inhaber mehrerer Staatsbürgerschaften, kann selbst nicht kandidieren und steht unter Hausarrest; Vorwürfe reichen von Korruption bis zum Aufruf zum Umsturz, Teile seines Vermögens – darunter Anteile am armenischen Stromnetz – wurden enteignet. Seine Anhänger halten ihn für einen politischen Gefangenen, sein Neffe agiert als Frontmann. Hinzu kommen die „Armenien-Allianz“ des früheren Präsidenten Robert Kotscharjan sowie die Partei „Blühendes Armenien“ des Unternehmers Gagik Zarukjan und weitere Kleinparteien.

Eine Eigenheit dieses Wahlkampfs ist, dass der schärfste Widerpart Paschinjans weniger aus den zersplitterten Oppositionsparteien kommt als aus der Armenisch-Apostolischen Kirche. Der Konflikt zwischen Regierung und Katholikos Karekin II. eskalierte 2024, nachdem Paschinjan im Streit um Bergkarabach vier unbewohnte Dörfer in der nordarmenischen Region Tawusch ohne Referendum an Aserbaidschan zurückgegeben hatte. Der dortige Erzbischof Bagrat Galstanjan rief einen „heiligen Kampf“ aus, organisierte Protestmärsche, forderte Paschinjans Rücktritt und erklärte sich zur Bildung einer Übergangsregierung bereit. Im Sommer 2025 ging die Regierung gegen führende Kirchenvertreter vor – nach dieser Ausschaltung rückte „Starkes Armenien“ zum stärksten Herausforderer auf.
Im Zentrum stehen der noch nicht endgültig abgesicherte Friedensprozess mit Aserbaidschan, die Zukunft von Grenzen und Verkehrswegen sowie die Frage, ob Armenien seinen Westkurs vertieft oder wieder enger an Moskau rückt. Konkrete Gestalt nimmt der Friedensrahmen im Projekt „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP) an, einem mit US-Hilfe ausgehandelten Transitkorridor durch Südarmenien. Dazu kommen soziale Fragen wie Löhne, Renten, Gesundheitsversorgung und Arbeitslosigkeit. Der Wahlkampf ist stark polarisiert und personalisiert; bei der Opposition dominiert der Vorwurf, Paschinjan habe nationale Interessen preisgegeben, während die Gegenspieler selbst oft nur vage Programme anbieten – „Starkes Armenien“ etwa stellt Aufschwung, Steuererleichterungen und bezahlbaren Wohnraum in Aussicht, ohne die Finanzierung zu erläutern.
Die EU ist in Armenien inzwischen sichtbar präsent – mit Wahlbeobachtung, einer Mission gegen Desinformation und Cyberangriffe sowie wirtschaftlicher Unterstützung. Brüssel stützt Eriwan auch politisch, weil sich das Land stärker an Europa annähert und die EU es als demokratischen Vorposten in einer autoritären Nachbarschaft betrachtet. Gleichzeitig setzt sie konkrete Anreize wie Finanzhilfen und Importerleichterungen, um Armenien wirtschaftlich weniger verwundbar zu machen. Auffällig ist die offene Rückendeckung aus Washington: US-Präsident Trump, den Paschinjan bewundert, hat sich vor der Wahl hinter den Amtsinhaber gestellt. Der nach ihm benannte TRIPP-Korridor verknüpft den Friedensprozess mit Aserbaidschan unmittelbar mit amerikanischen Interessen – und stärkt zugleich Paschinjans Erzählung vom international anerkannten, gut vernetzten „echten“ Armenien.
Russland fürchtet um seinen Einfluss. Die Sorge ist groß, dass Armenien weiter aus seiner Einflusssphäre herausrückt und sich institutionell, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch an den Westen bindet. Aus Moskauer Sicht bedeutet Paschinjans EU-Kurs den Verlust eines früheren Verbündeten im Südkaukasus – zumal der Premier demonstrativ der Moskauer Siegesparade am 9. Mai wie dem EAWU-Gipfel im kasachischen Astana fernblieb. Moskau reagiert mit den bekannten Druckmitteln- vor allem Desinformation, die Unterstützung prorussischer Kandidaten und die koordinierte Mobilisierung in Russland lebender armenischer Staatsbürger; Berichte sprechen von Plänen, Zehntausende Wähler einzufliegen. Hinzu kommen wirtschaftlicher Druck durch Importverbote für armenische Produkte sowie Drohungen bei Energiepreisen und Handelsvorteilen – bis hin zur offenen Warnung vor einem „ukrainischen Szenario“. Bemerkenswert ist, dass diese Strategie nicht aufzugehen scheint: Nach dem Verlust Bergkarabachs 2023 und im Schatten des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich das traditionell positive Russlandbild grundlegend gewandelt. Selbst viele der nach Armenien geflohenen russischen Migrantinnen und Migranten sehen in Paschinjan derzeit die beste Option – auch weil sie im Nachbarland Georgien beobachten, wie rasch ein prorussischer Kurs in autoritäre Verhältnisse umschlagen kann.
Der Wahlkampf wird mit harten Bandagen geführt – und das nicht nur rhetorisch, wenn Karapetjan den Premier einen „Dummkopf und Lügner“ und Kotscharjan ihn einen „Lakaien“ schimpft, während Paschinjan im Gegenzug droht, seine Gegner zu „zerstören“. Dutzende Unterstützer von „Starkes Armenien“ wurden wegen angeblicher Ordnungswidrigkeiten und „illegaler Wahlkampfaktivitäten“ festgenommen, mehrere Parteibüros durchsucht. Ende Mai kündigte Paschinjan die Verstaatlichung des Zementwerks von Gagik Zarukjan an; am 22. Mai wurde der „Blühendes Armenien“-Kandidat Andranik Tewanjan wegen Landesverrats festgenommen, ein Vertreter von „Starkes Armenien“ unter dem Vorwurf des Stimmenkaufs. Kritiker sehen darin eine gezielte Schwächung der Opposition – die Regierung verweist auf rechtsstaatliche Verfahren.
Aktuelle Umfragen sehen den Zivilvertrag stabil vorn – je nach Institut bei rund 30 bis 32 Prozent, während „Starkes Armenien“ nur auf etwa sechs bis zehn Prozent kommt. Eine eigene Mehrheit ist Paschinjan damit nicht garantiert. Gewinnt er, dürften EU-Annäherung, Friedensschluss mit Aserbaidschan und geringere Abhängigkeit von Russland weitergehen. Setzen sich seine Gegner durch, wäre eher mit einer Rückkehr zu stärkerer Russlandbindung und mehr Bremsen bei der EU-Annäherung zu rechnen. So oder so gilt: Russlands Einfluss dürfte auch nach dem 7. Juni nicht über Nacht verschwinden.


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