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Der Kreml denkt weit über die Ukraine hinaus

Lesedauer 3 Minuten

In seinem lesenswerten Gastbeitrag in der FAZ vom 24. Februar 2026 zeichnet Riccardo Nicolosi ein Bild des Kreml-Regimes, das den Krieg gegen die Ukraine nicht als begrenzten Territorialkonflikt, sondern als Auftakt zu einem viel größeren, epochalen Kampf gegen die westliche Vorherrschaft versteht. Einerseits die russische Selbstinszenierung als vermeintliche „Friedensmacht“, die angeblich nur die „russische“ Bevölkerung in der Ukraine schützt und einen gerechten, begrenzten Einsatz führt, droht der Kreml andererseits immer wieder mit atomarer Eskalation und der Vernichtung europäischer Hauptstädte, um den Westen zu verunsichern und dessen Unterstützung für Kyiv zu unterminieren. Diese Kombination aus Friedenspose und Drohgebärden ist eine bewußt erzeugte und kalkulierte Unberechenbarkeit, die als Teil eines Zermürbungskrieges gedacht ist, in dem auch die westlichen Gesellschaften ermüden und zum Nachgeben gezwungen werden sollen.

Im Zentrum steht Putins ideologische Deutung Russlands als Zivilisationsstaat, der sich in einem existenziellen Konflikt mit einem „kollektiven Westen“ befinde, der angeblich seit Jahrhunderten die Zerstörung der russischen Souveränität betreibe. In seinen programmatischen Reden – etwa beim Waldai-Klub – träumt Putin von einer multipolaren Weltordnung, in der Großräume mit eigenen Zivilisationen nebeneinander bestehen und der westliche Liberalismus als hegemoniales, „monopolares“ Projekt überwunden wird. Russlands Rolle wird in dieser Vision messianisch überhöht: Es erscheint als Träger „traditioneller Werte“, als antikoloniale Avantgarde des globalen Südens und zugleich als katechonische Kraft, die eine satanisch überhöhte westliche Macht aufhalten soll.

Der Text zeigt, wie der Putinismus disparate Versatzstücke – antikoloniale Rhetorik, religiösen Messianismus, Anleihen bei Carl Schmitts Großraumtheorie – zu einer paranoid-apokalyptischen Weltanschauung verbindet, die den aktuellen Krieg als notwendige Phase eines großen historischen Projekts legitimiert. Im Inneren verwandelt dieser Anspruch den Staat: Krieg wird zur neuen Normalität, Bildung und Elitenrekrutierung werden systematisch militarisiert, etwa durch patriotische Erziehung und Programme wie „Zeit der Helden“, die Veteranen der „Spezialoperation“ den Aufstieg in die Elite versprechen. Die russische Gesellschaft, geprägt von Apathie und Indifferenz gegenüber dem Leiden, fügt sich überwiegend in diese Logik und wird in den „zivilisatorischen“ Kampf hineingezogen.
Vor diesem Hintergrund zeigt Nicolosi, dass eine Ausweitung des Krieges in der Logik des Kremls nicht nur möglich, sondern langfristig sogar notwendig erscheint, auch wenn ein unmittelbarer Angriff auf weitere europäische Staaten derzeit unwahrscheinlich sei. Putin selbst vergleicht den Ukraine-Krieg mit dem Großen Nordischen Krieg, der 21 Jahre dauerte und mit der Entstehung des russischen Imperiums endete – ein Hinweis auf das lange historische Zeitfenster, in dem der Kreml denkt. Die eigentliche Triebkraft hinter dieser ideologischen Überhöhung deutet der Beitrag jedoch als tiefe Angst vor Machtverlust in einem personalistischen System, das in den liberalen Demokratien des Westens seine größte Bedrohung erkennt.

Am Ende steht eine Warnung: Putins Pläne seien zwar irrational und erschreckend, dürften den Westen aber nicht lähmen. Die Ukraine zeige mit ihrem Widerstand, was es bedeute, sich dem Putinismus aktiv entgegenzustellen, und sei, ungeachtet aller Debatten über künftige Sicherheitsgarantien, zur wichtigsten Sicherheitsgarantie Europas geworden.

Siehe dazu auch: Kolesnikov, The Closing of the Russian Mind. How Putin’s Ideology took the Nation Hostage, 2026


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