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Während die Annexion von Grönland durch den NATO-Partner USA gerade noch abgewendet werden konnte, stellt sich Europa gleich am nächsten Tag wieder selbst ein Bein, in dem das EU-Parlament das Mercosur-Abkommen nicht ratifiziert, sondern dem EuGH zur Prüfung vorlegt. Währenddessen findet Gehard Schröder, dass man Russland “nicht dämonisieren” und als Barbarenstaat wahrnehmen solle, während jene gerade bei Temperaturen bis -15 Grad der Bevölkerung von Kyiv ohne millitärischen Nutzen die Heizung-, Strom- und Wasserversorgung wegbomben und Alte und Schwache erfrieren lassen.

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Berthold Kohler sieht in seinem Leitartikel “Der Zerreißer” in der FAS eine zweite Zeitenwende anbrechen. Er zeichnet ein dunkles Bild von Donald Trump als US-Präsidenten, der die traditionelle Bindung zwischen Amerika und Europa zerschnitten und damit eine „zweite Zeitenwende“ in der internationalen Ordnung ausgelöst hat. Trump inszeniert sich als einzigartigen, von Gott geschützten Führer, der Respekt für Amerika zurückgebracht habe, tatsächlich aber international vor allem Fassungslosigkeit, Entsetzen und Fremdscham auslöse. Sein Politikstil ist geprägt von Narzissmus, Drohungen, Beleidigungen, Strafzöllen und Erpressung gegenüber Kritikern im Inland wie gegenüber ausländischen Regierungen, wodurch er Abkommen und Institutionen, die Amerika angeblich schwächten, regelrecht „zersägt“. Parallel dazu relativiert Trump russischen Imperialismus, gesteht Wladimir Putin de facto eine Einflusszone zu und bricht mit dem bisherigen amerikanischen Anspruch, Hüter einer regelbasierten Weltordnung zu sein. Sein propagierter „Friedensrat“ erscheint eher als Bühne zur Selbstinszenierung und als Affront gegen die Vereinten Nationen denn als ernsthafter Versuch, Ordnung wiederherzustellen. Trump ist in dieser Lesart weniger Ursache als sichtbares Symptom tief sitzender antiliberaler, nationalistischer und isolationistischer Strömungen in den USA, die sich schon zuvor aufgebaut hatten und nun in Form einer „MAGA-Lava“ ausbrechen.

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Die FAZ bringt ein lesenswertes Interview mit Atle Staalesen und Olesia Krivtsova, zwei Redakteuren des “Barents Observer” aus dem Nord-norwegischen Kirkenes, die aus der norwegisch-russischen Polarregion berichten. Nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelte sich hier eine umtriebige Modellregion der Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Westen. Das ist vorbei. Atle Staalesen beschreibt Kirkenes als Ort, der lange vom „Tauwetter“ nach dem Kalten Krieg profitierte: kleiner Grenzverkehr, Kontakte über die Grenze, ein fast alltäglicher Umgang mit Russland. Heute dominiert für ihn das Gefühl, in einer vorgeschobenen Beobachtungsstation der NATO zu leben, in der jede Bewegung auf der anderen Seite der Grenze sicherheitspolitisch aufgeladen ist. Seine zugespitzte Diagnose, dass „niemand Russland mehr vertrauen“ werde, zielt auf die Erfahrung, dass selbst enge Kooperation und Verträge Moskau nicht daran gehindert haben, aggressiv aufzurüsten. Seine Kollegin ist Russin, von dort geflohen, nachdem ihr Prozesse wegen kritischer Äußerungen über die Kreml-Politik und den Krieg in der Ukraine gemacht wurden. Sie erzählt, wie stark die Politik des Kreml das Leben einfacher Menschen zerstückelt: frühere Begegnungen, Austausch und gemischte Biografien werden durch Kontrolle, Propaganda und Angst zurückgedrängt. Beide Interviewpartner zeichnen die Arktis als neue Krisenregion, in der man in Lappland und Nordnorwegen mit militärischen Bewegungen Russlands rechnet. Die Region ist damit nicht mehr nur Peripherie, sondern Schauplatz, an dem sich NATO-Osterweiterung, russische Aufrüstung und die Verwundbarkeit arktischer Infrastruktur unmittelbar berühren.

Staalesen und Krivtsova machen deutlich, dass aus dieser Lage kein rascher Weg zurück in die alte Normalität führt – zu tief sitzt die Erfahrung, dass Vertrauen gegenüber Putin politisch riskant geworden ist.

Meine Eindrücke aus Kirkenes an der russischen Grenze gibt es hier.


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