Aufgelesen: Lupos Lesewoche #3

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Und schon ist die Woche auch wieder zu Ende. Das von russischer Seite seit gestern inszenierte Theater um die Kriegsgefangenen an Bord eines abgeschossenen Flugzeugs in Belgorod ist wieder ein Lehrstück für die laufende russische Desinformation. Und nahezu alle deutschen Leitmedien sind anfangs wieder darauf reingefallen. Bei allem Theaterdonner ist dann auch untergegangen, dass Russland schon wieder ein wichtiges und teures Flugzeug verloren hat, mutmaßlich sogar wieder einmal von der eigenen Flugabwehr abgeschossen. Man darf anmerken: Russland hat 2021 einen Weltrekord an Abstürzen in der zivilen und militärischen Luftfahrt aufgestellt.

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Vom Stolz Russe zu sein: Das Online-Magazin dekoder fasst eine Erhebung über die russische Gefühlswelt des unabhängigen Lewada-Zentrums zusammen. Nationalstolz, Imperium als Kompensation für den beschwerlichen Alltag des russischen kleinen Mannes? Die absolute Mehrheit der Russen verbindet die Idee des Imperiums vor allem mit einer anmaßenden und hochtrabenden Vorstellungen von Russland als Weltmacht, nur ein Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung (je nach Jahr, durchschnittlich 27 Prozent) ist für militärischen Expansionismus.

Für den kleinen Mann hat die Vorstellung von „Russland als Weltmacht“ nicht nur die Funktion, ihn zu beruhigen und ihn in seinen eigenen Augen zu glorifizieren. Sie lenkt seine Aufmerksamkeit auch weg von seinem beschwerlichen Alltag auf eine virtuelle Bühne der geopolitischen Rivalität. Manifestationen imperialer Hybris und Erklärungen über die Bedrohung der nationalen Sicherheit interessieren die Russen in ihrem realen Alltagsleben, also als gewöhnliche Menschen, die sich um das eigene Wohlergehen und das ihrer Familien kümmern, kaum. Das heißt aber nicht, dass ihnen diese Themen gleichgültig sind. In ihrer Rolle als Untergebene, also als kollektive Subjekte sind sie stolz auf Russlands militärische Macht, auf seinen „mit Blut gekauften Ruhm“ und das riesige Territorium, das es erobert und dessen Völker es sich untertan gemacht hat.

dekoder, Großmacht-Sehnsucht als Kriegstreiber

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Und noch eine interessante Betrachtung über die Meinung der Russen zum Krieg in der Ukraine. Vladimir Milov geht der Frage “How strong is Russian public support for the invasion of Ukraine?” nach. Wirklich stabil und belastbar scheint diese nicht zu sein. Die meisten wollen, so die verfügbaren Indikatoren, dass der Krieg endet.

Based on the findings of different pollsters and non-polling criteria, a picture emerges of conscious support for the invasion of Ukraine among a significant number of Russians representing 30 percent to 40 percent of the population. This is not an unusual figure for totalitarian societies that run on fear and propaganda. Nevertheless, it is not a majority position. The available evidence indicates that the majority of Russians want the war to end, with support for the invasion fading over time and increasingly concentrated among older generations.

Milov, How strong is Russian public support for the invasion of Ukraine?

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Schon wieder ein Artikel über die Zukunft von Olaf Scholz. Nach der Süddeutschen zerbricht sich auch die FAZ den Kopf, wohin die Reise gehen soll.

“Gemessen an seiner hohen Selbsteinschätzung, gelingt dem Kanzler nicht viel. Er wirkt blockiert, zunehmend entrückt. Und das liegt nicht nur an den anderen.”

FAZ, Das Vertrauen in Kanzler Olaf Scholz leidet, 15.1.24

In der sich dahinziehenden Debatte um die Lieferung der Taurus-Raketen an die Ukraine, die bislang alleine von Olaf Scholz blockiert wird, gibt es eine neue Volte: Angeblich soll ein Ringtausch mit Großbritannien stattfinden. Die nehmen unsere Taurus und liefern Storm Shadow an die Ukraine. Ich hatte da einen besseren Vorschlag:

Es gibt neue Meldungen, wonach die Schnapsidee mit dem Ringtausch nicht aus London stammt, sondern aus Berlin. “Peinlich” findet das Norbert Röttgen – und das völlig zu Recht. Sein Kollege Wadephul zieht ein vorläufiges Resume:

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Alles nicht so schlimm? Der Economist porträtiert die neo-faschistische Regierung unter Premierministerin Meloni. Die hat sich allen Unkenrufen zum Trotz als feste verbündete der Ukraine und gegen Russland positioniert und auch mit der deutschen Regierung kommt man aus, so ist zu hören. Alles also nicht so schlimm?

Consider, first, all the things that have not happened. Social policy has remained unaltered, despite the Brothers’ hostility to abortion and gay civil unions. It is true that there has been no progress towards gay marriage or same-sex adoption; but neither has there been any backsliding, despite this being Italy’s most right-wing government since the second world war. 

Economist Giorgia Meloni’s not-so-scary right-wing government

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Dachau des Donbas: In der NZZ portraitiert Christine Hamelt den Journalisten Stanislaw Assejew. Assejew hat in seinem Buch “Heller Weg, Donezk” seine Zeit in einem Foltergefängnis des russischen FSB in der “Volksrepublik Donezk” aufgeschrieben. Ein schlimmer, aber umso lesenswerter Bericht über die russische Realität in der besetzten Ukraine.

In dem Kapitel über das «absolute Böse» widmet sich der Autor dem Kommandanten von Isoljazija, ohne den es das System «so nicht gegeben» hätte. «Alle nannten ihn Palytsch. (. . .) Ein eingefleischter Sadist, Gewalttäter, Henker und Alkoholiker mit klassischer Persönlichkeitsstörung und gleichzeitig ein subtiler Psychologe und ein Manipulator mit Sinn für Humor.» Seiner uneingeschränkten Grausamkeit sind die Gefangenen hilflos ausgeliefert.

Gefoltert in Donezk, NZZ vom 24.1.24

Last Updated on 27. January 2024 by Lupo



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