Ein auf der A6 von der bayerischen Polizei zufällig kontrolliertes Auto mit lettischem Kennzeichen: Im Inneren entdecken die Beamten eine Drohne samt VR-Brille für den Piloten, GPS-Tracker, Mini-Kameras, Funkgeräte, mehrere Mobiltelefone, SIM-Karten und gefälschte Ausweise. Parallel dazu wird ein groß angelegter Phishing-Angriff über Signal bekannt, durch den die Accounts mehrerer Minister und Bundespolitiker kompromittiert werden.
Solche Vorfälle aus den Nachrichten der letzten drei Tage stehen exemplarisch für eine umfassende, systematisch angelegte Strategie, die von Cyberangriffen und Spionage bis hin zu Desinformation reicht. Reinhard Bingener und Markus Wehner nehmen diese Entwicklungen in ihrem Buch „Der stille Krieg“ in den Blick. Ihr Anliegen: die Vielzahl scheinbar isolierter Ereignisse zu ordnen, einzuordnen und zu einem Gesamtbild zu verdichten, das die Bedrohung verständlich macht – als hybriden Krieg autoritärer Staaten, insbesondere Russlands und Chinas.

Der hybride Krieg, arbeiten die Autoren heraus, ist nicht militärisch zentriert; der Kern der Attacke liegt auf Feldern wie Wirtschaft, Spionage und Desinformation. Ziel ist, den Gegner durch nicht-militärische Mittel – Desinformation, Sabotage, Cyberangriffe – so zu manipulieren, dass er im Sinne der Angreifer entscheidet. Das Konzept ist nicht neu, erhält jedoch durch die nicht-militärische Zentrierung eine neue Qualität. Als Beispiel für moderne russische Doktrin nennt Reinhard Bingener einen Vortrag Gerassimows von 2013. Darin ging es darum, den „Entscheidungsalgorithmus des Gegners zu manipulieren“, sodass dieser im Interesse des Angreifers handelt. Autokratien sind im hybriden Krieg im Vorteil, da sie interne Methoden von Propaganda, Korruption und Einschüchterung nach außen exportieren und Schwachstellen rechtsstaatlicher Systeme ausnutzen.
Die digitale Welt erweitert Einflussmöglichkeiten massiv. Russische Agenten steuern Trollarmeen vom Schreibtisch aus. Angriffe zielen zunehmend auf Einzelpersonen (Politiker, Journalisten), deren Handys gehackt werden. Und sie setzen „Low-Level-Agenten“ ein: Oft junge Männer, mit kriminellem Hintergrund, die online für Geld (Kryptowährung) zu Sabotageakten wie Schmierereien oder dem Verstopfen von Autoauspuffen angeheuert werden. Diese Taktik entstand, nachdem hunderte russische Diplomaten-Agenten aus Europa ausgewiesen wurden und Moskau Ersatz brauchte. Ziel dieser Maßnahmen ist die Vertiefung gesellschaftlicher Spannungen und Spaltungen. Russland identifiziert bestehende Risse und stößt gezielt hinein. Langfristig sollen Demokratien an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht werden, damit sie bei einem echten Angriff gelähmt sind oder prorussische Kräfte an die Macht gelangen.

Bingener und Wehner zeigen, wie sich diese Form des hybriden Kriegs in den letzten Jahren in Deutschland manifestiert und wie Politik, Geheimdienste und Teile der Öffentlichkeit lange zu „blauäugig“ reagiert haben. Ziel des Buches ist es, dieses bedrohliche Lagebild zu skizzieren und gleichzeitig aufzuzeigen, wie mehr Resilienz und bessere Verteidigung gegenüber solchen Angriffen aufgebaut werden können.


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