In „Der Teufelspakt“ entfaltet Sebastian Haffner eine scharf gezeichnete, zugleich erzählerisch packende Analyse der deutsch‑russischen Beziehungen von 1914 bis in die erste Hälfte der 1960er‑Jahre. Für ihn ist der „Teufelspakt“ mehr als nur der Hitler‑Stalin‑Pakt von 1939: Er beschreibt ein langfristiges Netz aus Pragmatismus und machtpolitischem Kalkül, das 1917 mit der Unterstützung der Bolschewiki durch das kaiserliche Deutschland beginnt und bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 reicht. Im Zentrum steht die gewagte These, dass Deutschland die bolschewistische Revolution 1917 nicht bloß mitverfolgt, sondern faktisch ermöglicht und gezielt gefördert hat, um Russland aus dem Ersten Weltkrieg herauszukämpfen. Haffner spricht von einem „Teufelspakt“ in beiderseitigem Wortsinn: Die deutschen Militärs erhoffen sich einen schnellen Separatfrieden, Lenin und die Bolschewiki bekommen dagegen einen Schubweg durch deutsches Geld, Transport und Rückendeckung. Aus dieser anfänglichen Kooperation entsteht, so Haffner, ein dauerhaftes Muster aus Abhängigkeit, Misstrauen und geheimer Zusammenarbeit, das die deutsch‑russische Beziehung bis 1945 prägt.
Ein zentraler Teil des Buches gilt dem Hitler‑Stalin‑Pakt von 1939, den Haffner als Wiederholung und radikale Steigerung dieses „Teufelspakts“ deutet. Er zeigt, wie Hitler und Stalin in einer kurzen, aber brutalen Phase des Einverständnisses Polen teilen, die West‑Ost‑Frontlinien neu ziehen und einander Zeit verschaffen, um ihre jeweiligen Machtzonen zu konsolidieren. Zugleich betont Haffner, dass dieser Pakt für beide Seiten hochriskant ist: Er baut auf gegenseitiger Gewaltbereitschaft und verdrängt die tiefe Systemfeindschaft, die bereits unter der Oberfläche brodelt. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 liest Haffner den Krieg als Folge der zuvor akzeptierten Verstrickungen und Doppelmoral. Er schildert den Vernichtungskrieg der Wehrmacht und der SS gegen die russische Zivilbevölkerung, die verzweifelte Rolle sowjetischer Kollaborationskräfte wie der Wlassow‑Armee und die Grausamkeit der sowjetischen Gegenwehr. Deutsch‑russische Beziehungen erscheinen hier nicht mehr als kühles geopolitisches Spiel, sondern als Krieg gegen Zivilisten, in dem Propaganda, Ideologie und totaler Krieg zusammenbrechen.
In den Kapiteln ab 1945, die in vielen früheren Ausgaben verkürzt wurden, zeichnet Haffner die Entstehung der geteilten Nachkriegsordnung nach. Er beschreibt, wie die Sowjetunion in der SBZ und später in der DDR eine kommunistische Satellitenzone festigt, während die westlichen Mächte mit der Gründung der Bundesrepublik und ihrer Integration in die westliche Welt reagieren. Der Bau der Berliner Mauer 1961 wird von Haffner als symbolischer Schlusspunkt einer langen Phase der deutschen Verstrickung in den russisch‑sowjetischen Machtblock und zugleich als sichtbarer Kristallisationspunkt der politisch‑ideologischen Spaltung Europas verstanden.
Haffner deutet die deutsch‑russische Geschichte insgesamt als eine Chronik der Prinzipienlosigkeit: Immer dann, wenn kurzfristiger politischer oder militärischer Gewinn winkt, werden moralische und strategische Konsequenzen beiseitegeschoben. Der „Teufelspakt“ ist für ihn kein einmaliger Vertrag, sondern ein Strukturphänomen, das von 1917 bis 1961 reicht und Deutschland wiederholt in die Lage eines riskanten Mitspielers auf dem russischen Feld bringt. Damit bleibt „Der Teufelspakt“ bis heute eine eindringliche Warnung vor Illusionen in der Macht‑ und Nachbarschaftspolitik zwischen Deutschland und Russland.
In seinem ausführlichen Nachwort betont der Osteuropa‑Historiker Karl Schlögel, dass Haffners pointierte Einschätzungen keineswegs veraltet sind. Erstmals 1968 erschienen, lange Zeit nur in einer gekürzten Version verfügbar, wirkt dieses Buch heute von beklemmender Aktualität – nicht zuletzt angesichts der anhaltenden Debatten über die Rolle Deutschlands im Umgang mit Russland.
Sebastian Haffner (eigentlich Raimund Pretzel, 1907–1999) war Journalist, Publizist und Zeitgeschichtler, geboren und verstorben in Berlin. Als promovierter Jurist wandte er sich in den 1930er‑Jahren dem Journalismus zu, arbeitete zunächst in Deutschland eher unpolitisch, bevor er sich zunehmend kritisch mit der NS‑Diktatur auseinandersetzte. 1938 emigrierte er mit seiner jüdischen Lebensgefährtin nach Großbritannien, wo er im Exil politische Kommentare verfasste und später als Korrespondent des britischen „Observer“ in der Bundesrepublik wirkte. In den 1970er‑Jahren wurde er mit Werken wie „Anmerkungen zu Hitler“ und „Geschichte eines Deutschen“ (postum veröffentlicht) zu einer der profiliertesten Stimmen der deutschen Zeitgeschichtsschreibung.
Sebastian Haffner, Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Hanser-Verlag, München 2026, 224 Seiten, 24 EUR


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