„Gott weiß, dieser Streit hat sich nicht gelohnt”

Als am Wochenende die Nachrichtenmeldungen und Bilder der ukrainischen Gegenoffensive in der Oblast Kharkiv über die sozialen Medien liefen, richteten sich naturgemäß viele Blicke in die russische Hauptstadt. Wie reagiert die russische Staatsführung auf das neuerliche Desaster im Nachbarland? Was bedeutet das für Putin? Die Propaganda-Maschine geriet angesichts der Ereignisse sichtlich ins Schlingern: Unverhohlene Kritik wurde laut. Die russische Front im Nordosten der Ukraine löste sich förmlich auf, Soldaten flohen zu Fuß über die Grenze und ließen Material, Munition, bisweilen sogar ihre Uniformen zurück.

Doch in Moskau wurde ungerührt das Stadtfest gefeiert, Präsident Putin weihte per Videoschalte das größte Riesenrad Europas ein. Dass es bereits am Samstag wegen technischer Probleme wieder außer Betrieb war, mag exemplarisch für das Wochenende stehen.

Am Sonntag Nachmittag wurde eine Meldung aus Minsk publik. Der dortige Machthaber Alexander Lukaschenko lobte sich als kluger und friedvoller Politiker und stellte Überlegungen in den Raum, den belarusischen Botschafter wieder nach Kyiv zu entsenden. Bei dessen überstürzter Abreise aus der Ukraine im Februar 2022 wurden ihm am Grenzübergang 30 Silberlinge übergeben, eine Anspielung auf die Rolle des biblischen Judas. Lukaschenko hat wohl den Glauben an einen russischen Erfolg im Nachbarland aufgegeben und versucht zu retten was zu retten ist.

„Gott weiß, dieser Streit hat sich nicht gelohnt”, ließ sich der lange Zeit als „letzter Diktator Europas“ titulierte Politiker ein. Als friedliebender und über die Jahre kluger Mensch, so der weithin nicht anerkannte Präsident, habe er sich immer für gutnachbarliche Beziehungen zur Ukraine eingesetzt und sei bereit, den ersten Schritt in diese Richtung zu tun. Schon vor wenigen Wochen hatte sich Lukaschenko mit Bemerkungen, dass der Krieg nun schon viel zu lange dauere, von den Erfolgsmeldungen aus Moskau abgesetzt.

Die Meldungen aus der Ostukraine dürfte Lukaschenko sicher mit Unruhe verfolgt haben. Kein Land hat sich in diesem Krieg so eng an Russland gebunden wie Belarus. Belarus stellte Russland Aufmarschgebiet für seine Truppen für den – gescheiterten – Angriff auf Kyiv zur Verfügung. Ebenso starten russische Bomber von Flugplätzen in Belarus, auch Raketen werden von dort auf die Ukraine geschossen. Das ohnehin schon isolierte Belarus wird dafür mit Wirtschaftsanktionen in Mithaftung genommen. Die jüngsten Visaverschärfungen für die Einreise in die EU betreffen auch Belarus. Polen und das Baltikum haben die Grenze faktisch geschlossen.

Seit der gefälschten Präsidentenwahlen und der brutalen Niederschlagung der Proteste dagegen im August 2020 ist die Staatsführung von Belarus mehr denn je abhängig von Moskau. Auch wirtschaftlich hängt das kleine Land am Tropf seines großen Bruders, der dafür Gegenleistungen fordert, nicht zuletzt die Umsetzung einer immer engeren Union. Ob Lukaschenko noch die politische Kraft hat, seine Schaukelpolitik zwischen West und Ost aus den letzten Jahrzehnten wieder in Gang zu bringen und sich von Moskau abzusetzen, darf bezweifelt werden. In der EU dürfte dafür niemand mehr ein offenes Ohr haben. Wenn Putin scheitert, scheitert Lukaschenko mit.

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