“Der lange Februar” – Dokumentarfilm erinnert an die russischen Gräuel in Butscha

Lesedauer 3 Minuten

Mit Unterstützung des Ukrainischen Vereins Mainz zeigte der Dokumentarfilmer Michael Stadnik am Samstagabend in der Katholischen Hochschule Mainz seinen Film „Der lange Februar“. Der 79-minütige Dokumentarfilm rekonstruiert den russischen Überfall auf die Ukraine ab dem 24. Februar 2022 und die monatelange Besatzung der Stadt Butscha nordwestlich von Kiew aus der Perspektive der betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner. Michael Stadnik hat selbst familiäre Bezüge in die Region um Butscha und Irpin.

Eindrucksvoll greift der Film auf authentische Quellen zurück: Interviews, lokale Videos, Überwachungsaufnahmen und jahrelang recherchiertes Privatmaterial aus Butscha. Der Schwerpunkt der Dokumentation liegt auf dem grauenhaften Alltag unter Hunger, Durst, Kälte, Angst und Gewalt. Ein ukrainischer Polizist, der undercover in der Stadt blieb, berichtet eindringlich von den Ereignissen. Konkrete Schicksale wie das Massaker an Zivilisten – darunter an einem der Chorsänger der St.-Andrij-Kirche mit ihrer Familie – machen die Grausamkeit greifbar: Nach dem russischen Rückzug wurden auf Straßen, in Höfen und Massengräbern Hunderte Tote entdeckt, ukrainische Ermittlungen nennen bis August 2022 458 Leichen, davon 419 mit gewalttodähnlichen Spuren; selbst Monate später fanden sich weitere Opfer. Die Protagonisten des Films zeigen vielfältige Bewältigungsstrategien – von Tränen über Sarkasmus bis hin zu Schweigen. “Wofür das alles? Ich verstehe das nicht” sagt fassungslos ein Betroffner, dessen Bruder von russischen Soldaten ermordet wurde, in die Kamera.

Szene aus “Der lange Februar”

Eine Passantin erzählt, wie ein russischer Soldat zu ihr sagte, man solle sie nicht zu sehr verfluchen. Da habe sie sich auf die Zunge beißen müssen, um nichts falsches zu sagen, erzählt sie.

Michael Stadnik im Gespräch mit Viktoriya Jost

Überlebende des Kirchenchors sangen Lieder für den Filmsoundtrack, die wie ein himmlisches Symbol wirken und die Geschichten rahmen. „Der lange Februar“ mahnt an anhaltende Besatzungen in der Ukraine. Am Ende des Films erinnert eine Einblendung an diejenigen, die ihre Geschichte nicht mehr erzählen können. Das Publikum reagiert mit einer Schweigeminute. Über 120 Zuschauer waren am Samstag Abend in die katholische Hochschule gekommen.

Parallel zur Filmvorführung eröffnete in den Räumen der Hochschule eine Vernissage der Künstlerin Eugenia Knaub. Ihre vierzig Ölbilder thematisieren die Ukraine als Land zwischen Verletzlichkeit und Würde, Zerstörung und lebendigem Glanz. Die Ausstellung erstreckt sich über vier Etagen und ist während der Öffnungszeiten frei zugänglich.


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