Aufgelesen: „Geschichten aus dem Vorkrieg“

4 min Lesezeit

Die NZZ beleuchtet heute in einem Kommentar von Peter A. Fischer den schwelenden Ukraine-Konflikt, die allrussischen Unionsmythen aus Moskau und die unterschiedliche Entwicklung, die Ukrainer und Russen nach Zerfall der Sowjetunion genommen haben. Die Politik des Westens hingegen, so Fischer, sei in den letzten dreißig Jahren eine Politik der verpassten Chancen gewesen.

Die (eigentlich ethnisch vielfĂ€ltigen) Russen sind demnach zusammen mit den Ukrainern und Weissrussen alles Nachfahren der alten Rus. Diese reichte bis ĂŒber die ukrainische Hauptstadt Kiew hinaus. In diesen Völkern hat sich laut Putin historisch der wahre orthodoxe Glaube gegen die Bedrohung aus dem Westen und die UnterdrĂŒckung durch den polnisch-litauischen Katholizismus behauptet. Dieses VermĂ€chtnis der VorvĂ€ter gelte es zu bewahren.

Die EuropĂ€er (zu denen ĂŒbrigens zumindest auch die Ukrainer zĂ€hlen) und die USA sollten deutlich machen, dass man mit einem friedlichen Russland enger zusammenarbeitet, eine Invasion in die Ukraine aber einen „sehr hohen Preis“ hĂ€tte. Nichtstun ist gefĂ€hrlich.

Russen und Ukrainer haben ohne Zweifel vieles gemeinsam, nicht zuletzt ihre sowjetische Vergangenheit. Dazu gehören auch ein eher schwaches Rechtssystem und die KorruptionsanfĂ€lligkeit staatlicher Behörden. Aber in den letzten dreissig Jahren haben sich in der unabhĂ€ngigen Ukraine, anders als in Russland, eine lebendige Zivilgesellschaft, eine immer wieder zu Machtwechseln fĂŒhrende Demokratie und ein eigenstĂ€ndiger, stĂ€rker Westeuropa zugewandter Nationalismus etabliert.

Diese Entwicklung mag eine ganz eigene Gefahr fĂŒr den Kreml darstellen, denn

Es erscheint verrĂŒckt, aber Putin und seine enge Entourage könnten dies als Flucht nach vorne begreifen. Auch weil der Kreml kaum etwas so sehr fĂŒrchtet wie eine Europa zugewandte, demokratische und erfolgreiche Ukraine, die selber entscheidet, was sie will. Zwar ist die Ukraine ein noch relativ schwacher, armer und korruptionsanfĂ€lliger Staat. Aber die diversen AufstĂ€nde haben gezeigt, dass sich die Bevölkerung besser als in Russland zu wehren weiss. Eine prosperierende Ukraine könnte der russischen Bevölkerung vor Augen fĂŒhren, dass es auch anders geht. 


Die FAZ bringt einen Reisebericht mit „Geschichten aus dem Vorkrieg“ von Tschermalyk bis Mariupol, wo sich Ukrainer, Russen und prorussische Separatisten gegenĂŒber stehen. Ein ĂŒberaus lesenswerter Reisebericht ĂŒber die Menschen im ostukrainischen Krisengebiet.

Die Jungen sind fort, denn was ist das hier fĂŒr ein Leben, wo kein Bus mehr kommt, und keiner weiß, wo es das nĂ€chste Mal einschlĂ€gt? Die Alten aber sind noch da, denn außer ihren HĂŒtten haben sie ja nichts mehr. Und weil die Alten nichts mehr haben, weil der Krieg manche depressiv gemacht hat oder verrĂŒckt, sorgt jetzt Galina fĂŒr sie.


Der Transformationsprozess der Ukraine und der Kampf gegen Korruption nach Zusammenbruch der Sowjetunion als mögliche Gefahr fĂŒr dem Kreml? In diese Richtung argumentieren auch Kaleniuk und Halushka vom „Anti-Corruption Center in Ukraine“ in Foreign Policy: „Why Ukraines Fight against Corruption scares Russia “

This is exactly what Russian President Vladimir Putin’s autocratic regime fears. Having tried to undermine Ukraine through military and hybrid aggression, Putin now threatens a large-scale invasion to destroy the country—not only because it is successfully undergoing comprehensive domestic transformation but, more importantly, because it has the potential to trigger similar democratic reforms in Russia.


Über die ukrainische Gelassenheit in der Krise schreibt Serhij Zhadan ebenfalls in der NZZ:

Jedenfalls muss sich die Ukraine seit nunmehr sieben Jahren allein mit ihrem Feind auseinandersetzen. Diese Konfrontation ist aufreibend, sie mobilisiert aber auch und zwingt die Menschen, Stellung zu beziehen. Mit dieser inneren Mobilisierung vieler Ukrainer lĂ€sst sich auch erklĂ€ren, warum viele Menschen relativ gelassen auf den zunehmend bedrohlicheren Druck reagieren, der von allen möglichen Massenmedien auf das Land ausgeĂŒbt wird.


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