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Artur Klinaŭ schreibt über die belarussische Hauptstadt Minsk, sie sei die „Sonnenstadt der Träume„. Eine Stadt für Utopia, entworfen von den Sowjets als Verwirklichung der kommunistischen Utopie. Eine ideale Stadt für eine ideale Gesellschaft. Wer schonmal in Minsk war, wird das mit Stirnrunzeln lesen, denn wenn in Minsk etwas dominiert, dann ist es graue Tristesse. Und Utopia ist weit weg. Ganz im Gegenteil zu Kiew, der Hauptstadt des Nachbarlandes Ukraine, die einem lebendig, aufgeregt und quirlig entgegenkommt, findet man in Minsk überall einen bleiernden Schwermut, graue Fassaden und leere weite Plätze.

Ins Träumen kommt man dort und auf den breiten Boulevards ganz und gar nicht. „Dass die Sonnenstadt gerade in Minsk Fleisch ward, war keine Laune der Geschichte“, schreibt Klinaŭ, „Die Stadt, die ihre Geschichte als Friedhof begonnen hatte – mit den blutigen Ufern der Njamiha – , wurde zum Friedhof für tote Städte. (…) Kann es einen besseren Platz für die Errichtung der Sonnenstadt geben, für Utopia, die Insel, die es nicht gibt, als ein Land, das es nicht gibt, bewohnt von einem Volk, das es nicht gibt, in einer Stadt, die es nicht gibt?“


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Ich selbst war schon mehrfach dort, vornehmlich im nassen, kalten Herbst und Winter, wenn einem Schneeflocken um die Nase wedeln, und ja, diesen Eindruck der Tristesse kann ich nur bestätigen.

Der Eindruck verfestigt sich, wenn man mit den Einwohnern der Sonnenstadt spricht, auch dort herrscht eine trübe, fast apathische Stimmung. „Wo soll man denn hin, hier gibt es ja nichts“, heißt es freitags abends in der Roof-Top-Bar des Hiltons, wo sich Einheimische und Ausländer bei Live-Musik begegnen.

Touristen gibt es in Minsk kaum. Wenn, dann kommen Russen in die zahlreichen Casinos, denn in Belarus ist Glücksspiel erlaubt, in Russland nicht. Reisende aus der EU sind Exoten. Andererseits sprechen Einheimische oft gut Englisch, manche freuen sich über eine Gelegenheit, ihre Deutsch-Kenntnisse zu zeigen. Belarus hat erst vor ein paar Jahren überhaupt die Visa-freie Einreise für EU-Bürger unter bestimmten Bedingungen eingeführt. Erst für nur wenige Tage und nur bei Einreise über den Flughafen Minsk, nunmehr wurde der Zeitraum erweitert auf bis zu 30 Tage, in denen man sich im Land bewegen kann.

Die FAZ schreibt heute über die Lage in der belarussischen Hauptstadt vor den Präsidentschaftswahlen. Der Präsident wird die Wahl wieder einmal gewinnen, seine Herausforderer sitzen rechtzeitig in Haft. Gleichwohl formiert sich eine immer selbstbewusstere Zivilgesellschaft, die der Corona-Krise trotzt und ihre eigenen Wege geht, während der Präsident in Bezug auf Corona von einer Psychose spricht.

Die Zivilgesellschaft sei in der Krise gewachsen, so Racek. Wie der weißrussische Philosoph Valentin Akudowitsch ist er überzeugt, dass das Land, in dem die belarussische Sprache weiterhin einen Nischenstatus hat, niemals im Sinn eines nationalen Projektes umzumodeln sei wie etwa die Ukraine, sondern nur durch die Selbstorganisation freier und selbstbewusster Bürger.

FAZ: MINSK VOR DEN WAHLEN: „Wir trotzen der Tristesse der Zeit“ (29.7.2020)

Menschen organisieren medizinische Schutzausrüstung für Kliniken auf dem Land, der Präsident lässt sich in der Presse vernehmen, er habe keine Viren in Belarus herumfliegen sehen. Die John Hopkins Universität zählt knapp 64.000 Infektionen in dem Land mit seinen 9,5 Millionen Einwohnern.

„Dass der neue Präsident von Belarus nach den Wahlen am 9. August wieder der alte, nämlich Aleksandr Lukaschenka sein wird, bezweifelt dieser Tage niemand in der Hauptstadt Minsk, die trotz ihrer zwei Millionen Einwohner nicht nur vorbildlich sauber, sondern wie fast immer auch merkwürdig leer wirkt.“

FAZ: MINSK VOR DEN WAHLEN: „Wir trotzen der Tristesse der Zeit“

Nachtrag (03.08.20): Die FAZ berichtet heute über die Furcht vor Wahlfälschungen. „Die „vorzeitige Stimmabgabe“ ist laut Tichanowskaja ein Einfallstor für Fälschungen zugunsten Lukaschenkas, der Belarus seit 1994 führt. Während der Wahlkampf weiterläuft, sollen schon Scharen von Wählern an die Urnen strömen. Dazu dürfte das Staatsfernsehen zeigen, wie Prominente und Funktionäre frühzeitig wählen und das Programm des Amtsinhabers loben: Derlei dokumentierte der Bericht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) über die belarussische Präsidentenwahl 2015“

Nachtrag (07.08.2020): Auch DER SPIEGEL berichtet über den Stimmungsumschwung in der Bevölkerung:

Vom Aufbruch ist vor der Präsidentschaftswahl am 9. August die Rede: „Belarus ist aufgewacht.“ Gemeint ist, dass viele Menschen sich lange Jahre lieber aus Angst vor Schwierigkeiten von der Politik fernhielten, sich jetzt auf die Straßen trauen, nicht mehr schweigen wollen – und das, obwohl schon Hunderte Demonstranten und auch Journalisten teils brutal in den vergangenen Wochen festgenommen wurden.

Weißrussland und die PräsidentschaftswahlDie Furcht vor Lukaschenko schwindet

Vielleicht ist es aber auch nur westliches Wunschdenken.


Nachtrag: Am Vorabend der Wahl (08.08.2020) berichten mehrere Medien , dass sich die Spitzenkandidatin der Opposition aus Angst vor Verhaftung mit Journalisten an einem unbekannten Ort in Minsk aufhält. Die Leiterin ihres Wahlkampfteams wurde am Wochenende verhaftet. Anhörungstermin vor Gericht am Montag – nach der Wahl.

Der Guardian (08.08.2020) schreibt über den Vorabend der Wahl

Candidate Svetlana Tikhanovskaya fled her apartment after police detained several senior staffers in what critics called an attempt to scare the opposition ahead of the crucial vote.

“She won’t spend the night at home so that she is not alone. But she is not fleeing Minsk, she will remain in the city,” a press secretary told journalists.

Belarus presidential election: opposition candidate goes into hiding on eve of vote

Trotz der massiven Behinderungen und Einschüchterungsversuchen durch staatliche Stellen ruft die Opposition nicht offen zu Protestaktionen auf, berichtet der Guardian (02.08.2020)

Tikhanovskaya, a reluctant candidate who has promised to hold new, free elections if she wins, has called on supporters to fight vote-rigging at the polls, but has stopped short of calling for open protests. “We’re not calling people to a Maidan,” she told Belarusian news site Tut.by in an interview published on Friday, referring to the 2014 revolution in Ukraine. “We want honest elections. Is that a crime?

Belarus goes to the polls with longtime leader Lukashenko feeling the heat

Trotzdem gibt es Befürchtungen, dass es zu Blutvergießen kommt. (TAZ : „Lukaschenko wird schießen lassen“)


Mehr dazu:

Wer sich näher für Belarus 🇧🇾 und Minsk interessiert, dem sei vorab das kleine Buch Minsk – Sonnenstadt der Träume“ von Artur Klinau nahegelegt.

Siehe auch die Rezension zu dessen Buch im Deutschlandfunk
und bei der taz: „Träume aus der Sonnenstadt:  Die weißrussische Metropole zwischen Sowjetverklärung und dem offenen Blick nach Westen

Weiterführend auch das Buch des im FAZ Artikel zitierten belarussischen Philosophen Akudowitsch: Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen“


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