Wilde Zeiten

Es ist ziemlich frostig an diesem Sonntag im Februar. Ein eisige Wind pfeift. Vor allem aber ist es hier ziemlich leer. Ein EuroCity aus Berlin ist gerade eingefahren, er steht ein paar Minuten am Bahnsteig herum, bis er seine Reise nach Gdynia (Gdingen) an der polnischen Ostseeküste fortsetzen wird. Zwei, drei Leute sind ausgestiegen und schnell in der Unterführung verschwunden. Dann ist der Bahnsteig leer. Einsam steht noch ein kleiner Triebzug am Gleis gegenüber, er wird gleich nach Königswusterhausen fahren, dann ist niemand mehr in der Bahnhofshalle. „Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“, belehrt einen der Lautsprecher vom Band, dann wird es still. Willkommen in Frankfurt an der Oder.

In Frankfurt an der Oder habe ich meine erste richtige Landgrenze erlebt. Damals 1994 in einem der übervollen Nachtzüge, die von West nach Ost fuhren und anders herum. Unser Nachtzug, der D „Ost-West-Express“ kam aus Belgien und fuhr drei Tage lang quer durch Europa bis nach Moskau. Wir stiegen damals zwar schon in Warschau Central wieder aus, aber dennoch konnten wir auf den 24 Stunden Zugfahrt vom Westen Deutschlands bis weit in den wilden Osten hinein die große neue Welt erschnuppern, die sich nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ wenige Jahre zuvor vor uns ausbreitete.

Leere Bahnsteighalle

In den Zugabteilen der polnischen Waggons, mit jeweils zweimal 4 Sitzen, war es eng und stickig, der Schaffner verkaufte Bier und Wodka und mit jedem Kilometer, den der Nachtzug Richtung Osten zurücklegte, stieg die Stimmung und der Alkoholpegel. In Frankfurt (Oder) war die Grenze zu dieser neuen Welt. Hier war damals die EU zu Ende. Eine geschlagene Stunde stand der Zug dann mitten in der Nacht in der Bahnhofshalle von Frankfurt Oder. Ein Zaun trennte das Gleis vom übrigen Bahnhofsbereich. Am Bahnsteig mitten in der Nacht ein Gewusel, zahllose Leute stiegen ein, mit riesigen karierten Plastiktaschen und mit Pappkartons, mit Fernsehern und Computern, Töpfen, Mikrowellen, alles was man nur tragen konnte, alles wurde im Zug bis in den kleinsten Winkel verstaut. Glücksritter, fliegende Händler, Schmuggler oder einfach nur erschöpfte Arbeiter, die zu ihren Familien in vornehmlich Polen fuhren, man hörte lauter neue fremde Sprachen. Polen war schon der sehr wilde Osten, dass es dahinter noch wilder werden könnte, konnten wir uns damals nicht ausmalen. Begriffe wie Belarus, Russland oder Ukraine waren auf unserer Landkarte nicht vorhanden. In Frankfurt an der Oder gab es mitten in der Nacht eine Pass- und eine Zollkontrolle auf deutscher Seite, danach ließen sich die polnischen Grenzer nochmal blicken, bis auch sie ein Blick ins Gepäck geworfen hatten, verging wieder Zeit. Auf dem Bahnsteig sah man die Unglücklichen, für die die Reise erwartet oder unverhofft zu Ende war, in Handschellen vom „Bundesgrenzschutz“ Richtung Ausgang flankiert, man konnte nur mutmaßen, warum. Der Zug setze sich dann nach langer Zeit wieder in Bewegung, überquerte die Oder und fuhr hinein in den wilden Osten, wo die Morgensonne die ersten Strahlen schickte, nächster Halt Rzepin. Was war das für eine wilde Zeit!

Den Zaun am Bahnsteig gibt es schon lange nicht mehr. Frankfurt Oder ist keine EU-Außengrenze mehr, Polen gehört nicht nur schon lange zur EU, sondern auch zum Schengen-Raum. Und Händler sieht man hier auch keine. Nach Moskau fahren die Züge heute nicht mehr, nichtmal mehr bis Brest oder Minsk.

Warten auf den Zug aus Warschau

Die Polizeikontrollen aber gibt es heute auch noch oder vielmehr wieder. In der Gegenrichtung steigen in den EuroCity aus Warschau zwei Bundespolizisten ein, gehen durch den Zug und schauen in die Abteile. Die Belarus-Route lässt grüßen.

Schleierfahndung

Als sie fertig sind, fährt der Zug weiter nach Berlin, keine fünf Minuten, nachdem er in Frankfurt (Oder) gehalten hat.

Endstation Berlin
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