“Geschichten aus dem Vorkrieg”

Die NZZ beleuchtet heute in einem Kommentar von Peter A. Fischer den schwelenden Ukraine-Konflikt, die allrussischen Unionsmythen aus Moskau und die unterschiedliche Entwicklung, die Ukrainer und Russen nach Zerfall der Sowjetunion genommen haben. Die Politik des Westens hingegen, so Fischer, sei in den letzten dreißig Jahren eine Politik der verpassten Chancen gewesen.

Die (eigentlich ethnisch vielfältigen) Russen sind demnach zusammen mit den Ukrainern und Weissrussen alles Nachfahren der alten Rus. Diese reichte bis über die ukrainische Hauptstadt Kiew hinaus. In diesen Völkern hat sich laut Putin historisch der wahre orthodoxe Glaube gegen die Bedrohung aus dem Westen und die Unterdrückung durch den polnisch-litauischen Katholizismus behauptet. Dieses Vermächtnis der Vorväter gelte es zu bewahren.

Die Europäer (zu denen übrigens zumindest auch die Ukrainer zählen) und die USA sollten deutlich machen, dass man mit einem friedlichen Russland enger zusammenarbeitet, eine Invasion in die Ukraine aber einen “sehr hohen Preis” hätte. Nichtstun ist gefährlich.

Russen und Ukrainer haben ohne Zweifel vieles gemeinsam, nicht zuletzt ihre sowjetische Vergangenheit. Dazu gehören auch ein eher schwaches Rechtssystem und die Korruptionsanfälligkeit staatlicher Behörden. Aber in den letzten dreissig Jahren haben sich in der unabhängigen Ukraine, anders als in Russland, eine lebendige Zivilgesellschaft, eine immer wieder zu Machtwechseln führende Demokratie und ein eigenständiger, stärker Westeuropa zugewandter Nationalismus etabliert.

Diese Entwicklung mag eine ganz eigene Gefahr für den Kreml darstellen, denn

Es erscheint verrückt, aber Putin und seine enge Entourage könnten dies als Flucht nach vorne begreifen. Auch weil der Kreml kaum etwas so sehr fürchtet wie eine Europa zugewandte, demokratische und erfolgreiche Ukraine, die selber entscheidet, was sie will. Zwar ist die Ukraine ein noch relativ schwacher, armer und korruptionsanfälliger Staat. Aber die diversen Aufstände haben gezeigt, dass sich die Bevölkerung besser als in Russland zu wehren weiss. Eine prosperierende Ukraine könnte der russischen Bevölkerung vor Augen führen, dass es auch anders geht. 


Die FAZ bringt einen Reisebericht mit “Geschichten aus dem Vorkrieg” von Tschermalyk bis Mariupol, wo sich Ukrainer, Russen und prorussische Separatisten gegenüber stehen. Ein überaus lesenswerter Reisebericht über die Menschen im ostukrainischen Krisengebiet.

Die Jungen sind fort, denn was ist das hier für ein Leben, wo kein Bus mehr kommt, und keiner weiß, wo es das nächste Mal einschlägt? Die Alten aber sind noch da, denn außer ihren Hütten haben sie ja nichts mehr. Und weil die Alten nichts mehr haben, weil der Krieg manche depressiv gemacht hat oder verrückt, sorgt jetzt Galina für sie.


Der Transformationsprozess der Ukraine und der Kampf gegen Korruption nach Zusammenbruch der Sowjetunion als mögliche Gefahr für dem Kreml? In diese Richtung argumentieren auch Kaleniuk und Halushka vom „Anti-Corruption Center in Ukraine“ in Foreign Policy: „Why Ukraines Fight against Corruption scares Russia

This is exactly what Russian President Vladimir Putin’s autocratic regime fears. Having tried to undermine Ukraine through military and hybrid aggression, Putin now threatens a large-scale invasion to destroy the country—not only because it is successfully undergoing comprehensive domestic transformation but, more importantly, because it has the potential to trigger similar democratic reforms in Russia.


Über die ukrainische Gelassenheit in der Krise schreibt Serhij Zhadan ebenfalls in der NZZ:

Jedenfalls muss sich die Ukraine seit nunmehr sieben Jahren allein mit ihrem Feind auseinandersetzen. Diese Konfrontation ist aufreibend, sie mobilisiert aber auch und zwingt die Menschen, Stellung zu beziehen. Mit dieser inneren Mobilisierung vieler Ukrainer lässt sich auch erklären, warum viele Menschen relativ gelassen auf den zunehmend bedrohlicheren Druck reagieren, der von allen möglichen Massenmedien auf das Land ausgeübt wird.


[kofi]

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