Des Batka friedlicher Himmel

Unter den Glückwunschtelegrammen, die am 24 August anlässlich des ukrainischen Unabhängigkeitstags in Kyiv eingingen, sorgten die Glückwünsche aus dem direkten Nachbarland für Stirnrunzeln, Hohn und Spott. Der Präsident der Republik Belarus Alexander Lukashenko,, dessen Wahl in vielen Ländern nicht anerkannt wird, schickte dem Nachbarn die besten Wünsche, einen „friedlichen Himmel“ und Toleranz, Mut, Stärke und Erfolg bei der Wiederherstellung eines menschenwürdigen Lebens.

“I am convinced that today’s contradictions will not be able to destroy the centuries-old sincere good-neighborly relations between the peoples of the two countries. Belarus will continue to stand up for the preservation of concord, development of friendly and mutually respectful contacts at all levels“

Er sei überzeugt, dass die gegenwärtigen Meinungsverschiedenheiten „die jahrhundertealten aufrichtigen gutnachbarlichen Beziehungen zwischen den Völkern der beiden Länder nicht zerstören können.“, hieß es aus Minsk.

Das lässt aufhorchen, denn Belarus steht seit der von Moskau unterstützten Niederschlagung der Protestwelle nach den gefälschten Präsidentenwahlen vom Sommer 2020 enger an Seite des östlichen Nachbarn als je zuvor. Russland drängt seit Jahren auf eine engere Partnerschaft zulasten der belarusischen Souveränität. Hingegen sind die jahrelangen gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus seit der gefälschten Präsidentenwahl in Belarus im August 2020 und nicht zuletzt seit dem russischen Angriff vom Februar 2022 ziemlich ramponiert. Kyiv hatte im Frühjahr die Städtefreundschaft mit Minsk aufgekündigt. Als Belarus nach Kriegsbeginn seine Diplomaten aus der Ukraine abzog, versuchte ein ukrainischer Grenzbeamter dem belarussischen Botschafter 30 Silberlinge mitzugeben. Eine Anspielung an den biblischen Judas.

Die Rolle von Belarus in dem Konflikt wird in der Ukraine von vielen als Verrat empfunden. Zwar hat Belarus in den Krieg (bislang) trotz zahlreicher Drohungen nicht aktiv eingegriffen. Aber es stellt den russischen Truppen Luftwaffenstützpunkte zur Verfügung, Luftangriffe per Flugzeug und mit Raketen werden oftmals aus Belarus gestartet. Insoweit wirkt der Satz mit dem „friedlichen Himmel“ zynisch bis sarkastisch.

Allerdings kann man den Text auch aus einem anderen Blickwinkel lesen. Denn spätestens seit sich Lukaschenko sich nach dem 24. Februar 2022 auf Gedeih und Verderb an Putin gebunden hat, hat er seinen politischen Spielraum und seine Handlungsfähigkeit nahezu komplett eingebüßt. Entschieden wird seither in Moskau. Seit der gewaltsamen Umleitung eines Ryan-Air-Fluges auf dem Weg von Griechenland nach Vilnius hat die EU Belarus vom Flugverkehr abgeschnitten und mit Sanktionen belegt. Seit dem Angriffskrieg Russlands wurden die Sanktionen auch für Belarus noch massiv ausgeweitet. Für Alexander Lukaschenko hat das erhebliche Konsequenzen.

Der belarusische Journalist Igor Lenkewitsch hat in einem Essay für das online-Medium Reform.by analysiert, die große Politik für Alexander Lukaschenko sei vorbei. Aus der EU kommt so schnell kein Staatsoberhaupt mehr nach Minsk. Lukaschenko bleiben noch Treffen mit Putin, in denen er stets als Bittsteller auftreten darf. Ansonsten kann er noch die Führer der sogenannten Volksrepubliken empfangen. Hier kann er einen Blick in die Zukunft werfen und sehen, was Belarus noch bevorsteht. Mit seinem Kurs habe er sich und sein Land in eine ausweglose Position gebracht, die auch die Unabhängigkeit des Landes bedrohe.

Vor diesem Hintergrund kann man die Zeilen der Grußbotschaft auch als die Wünsche eines alten Mannes lesen, dem die Dinge aus der Hand genommen wurde. Den friedlichen Himmel kann er dem Nachbarn im Süden nur noch wünschen. Garantieren kann er nichts mehr.

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