Der “Schienenkrieg” in Belarus

Das online-Magazin “Dekoder” hat eine gekürzte, aber gleichwohl lesenswerte, Übersetzung einer Recherche des russischen Magazins “Meduza” veröffentlicht, der sich mit den belarussischen Schienenpartisanen befasst. Als Russland seinen Angriff auf die Ukraine unter dem Deckmantel einer gemeinsamen Truppenübung mit Belarus nahe der ukrainischen Grenze vorbereitete, wurden annähernd 200 Züge zu je 50 Waggons mit Ausrüstung nach Belarus geschickt. Russland nutzte das Staatsgebiet von Belarus als Aufmarschgebiet und versuchte unter anderem von der belarusisch-ukrainischen Grenze in die Nordukraine einzudringen und von dort aus die ukrainische Hauptstadt Kyiv einzunehmen, was bekanntermaßen spektakulär scheiterte.

Schon während des Truppenaufmarsches im Winter 2021/2022 häuften sich in Belarus Anschläge und Sabotageakte auf die belarusische Eisenbahninfrastruktur. Schaltschränke gingen in Flammen auf, Signallampen waren defekt, es gab Cyberangriffe auf Steuerungssoftware der Eisenbahn.

Wer steckt hinter den Sabotageakten, waren dies vereinzelte oder konzertierte Aktionen von Partisanen? Und wie reagieren die Behörden von Belarus auf “den Schienenkrieg der Partisanen”?

Laut dem belarussischen Innenministerium kam es bis Anfang April zu insgesamt über 80 Sabotageakten am belarussischen Schienennetz. Seitdem gibt es keine Meldungen über weitere Aktionen, weder von der belarussischen Opposition noch von den staatlichen Behörden.

In der ganzen Kriegsberichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung geraten die Widerstandsaktionen in Belarus in den Hintergrund, obwohl sie geeignet sind, die Kriegsmaschine jedenfalls beachtlich zu stören. So fuhren nach einer Sabotageaktion am 05. März 2022 eine Woche lang keine Millitärzüge mehr durch das Land. Man hatte Angst vor noch radikaleren Aktionen.

Dabei richten sich die Sabotageakte gegen den russischen Angriffskrieg und zugleich auch gegen die Politik des Diktators Alexandr Lukaschenko. Offenbar sieht der sich abermals genötigt, drastisch zu reagieren. Belarus ist das einzige Land in Europa, in dem die Todesstrafe noch verhängt und auch vollstreckt wird. In einer durch das Parlament gepeitschten Änderung des Strafgesetzbuches von Belarus wurden die Strafen für Terrorakte – als solche werden die Partisanenaktionen eingestuft – als auch für versuchte Terrorakte drakonisch verschärft. Auch für versuchte Terroraktionen kann nunmehr die Todesstrafe verhängt werden.

Insgesamt wurden bis Mitte Juni mindestens elf Personen wegen mutmaßlicher Beteiligung an Sabotageakten festgenommen

Dekoder veröffentlicht die Recherchen der Journalistin Anja Perowa für das russische Online-Medium Meduza.

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