Der Batka und der Starze

Es ist nun schon mehr als ein Jahr her, als in den heißen Augusttagen des Corona-Jahres 2020 in #Belarus im ganzen Land die Menschen zu Zehntausenden auf die Straße gingen und friedlich gegen die gefälschten #Wahlen protestierten. Einige Tage lang schien es tatsächlich so, als könnten sie den “letzten Diktator Europas” ins Wanken bringen.

Seither ist viel passiert, das Regime hat die Proteste brutal niedergeknüppelt, Tausende Menschen wanderten in Haft. Der Westen antwortete mit Sanktionen und das Regime in Minsk schickte aus Krisenregionen eingeflogene Menschen aus dem Irak, Syrien, Jemen an die EU-Außengrenzen zu Litauen und Polen, wo sich in den letzten Wochen dramatische Szenen abspielten. Belarus, das sich seit 2015 immer mehr geöffnet und der EU angenähert hatte, ist dort nun weitgehend isoliert und fester an Moskau gebunden, als je zuvor.

Mittlerweile sind auch schon mehrere Bücher über die revolutionären Tage in Belarus erschienen, welche die Ereignisse aufarbeiten und interpretieren. Die belarussische Philosophin Olga #Shparaga hat in ihrem Essay “Die #Revolution hat ein weibliches Gesicht” die Proteste als “weiblich, friedlich, postnational” charakterisiert und die prägende Rolle der Frauen, nicht nur der drei Oppositionspolitikerinnen Maria Kalesnikava, Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo, im Widerstand gegen das Regime von Alexander Lukashenka hervorgehoben.

Der Schriftsteller, Architekt und Künstler Artur #Klinau hat jetzt in einem “Journal aus Minsk” seine persönlichen Erlebnisse der acht Tage im August niedergeschrieben. Klinau lebt zurückgezogen in “einem Weiler in der Waldeinsamkeit an der litauischen Grenze”, als er die Nachricht erhält, dass seine Tochter, die als unabhängige Wahlbeobachterin in #Minsk vor Ort ist, verhaftet wurde.

Er fährt nach Minsk und versucht zunächst vergeblich, sie ausfindig zu machen, ist bei dem als kafkaesk zutreffend charakterisierten Gerichtsverfahren zugegen und schreibt ausführlich über seine Eindrücke und Erlebnisse in den chaotischen Tagen der Revolution. Er vergisst dabei nicht, die Vorgeschichte zu den Wahlen aufzubereiten, um zu erklären, wie sich der Unmut und der Widerstand gegen das Regime derart aufstauen konnte.

Klinau – selbst Dissident seit Jahrzehnten – glaubt, dass die Revolution zu früh komme, die Zeit für einen Auftstand noch nicht reif sei. Aber vielleicht, räumt er ein, habe er sich als langjähriger Dissident schon zu sehr ans Warten gewöhnt. Die treibende Kraft waren die Jungen, die sich nicht um Risiken und geopolitische Erwägungen scherten, sondern “den Batka” nur so schnell wie möglich aus ihrem Leben vertreiben wollten.

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Interessant ist auch die an Bildern und Metaphern reich beschriebene Hass-Beziehung zwischen “dem Batka” in Minsk und “dem Starzen im #Kreml”, die beide an ihren Kunstwerken arbeiten, der Batka nennt das seine “Stabilität” und der Starze werkelt an einem Triptychon unter dem Titel “Größe”. “Die Mitteltafel ein schwarzes Quadrat von hundert mal hundert Meter, der braune Batka-Ziegel und der grüne, auf der Spitze stehende ukrainische Rhombus sollte lediglich die ergänzenden Flügel bilden”. Den ironischen Ausflüge in die belarussisch-russischen-Beziehungen stehen die erschreckenden Schilderungen der brutalen Misshandlungen der Bürger durch “die Sturmhauben” gegenüber, die Protestierende aber auch vielfach völlig unbeteiligte Passanten brutal niedergeknüppelt, misshandelt und erniedrigt haben.

“Was empfanden diejenigen, die nur ihre Rolle spielten? Die “Sturmhauben”, die Menschen quälten und folterten? Die waren ja nicht einfach von einem anderen Planeten eingeflogen, sondern sie lebten Tür an Tür mit dir, sie brachten ihre Kinder in die gleichen Kindergärten und auf ihren Facebook-Profilen lächelten sie wie ganz normale Menschen. War das wirklich alles Maske?”

Artur Klinau liefert mit seinem dokumentarischen Journal aus Minsk “Acht Tage Revolution” ein lesenswertes Buch, das uns die Ereignisse in Belarus auch in ihren geopolitischen Zusammenhängen näher bringt. Gerade jetzt in diesen Wochen, in denen uns die Folgen des Augusts 2020 als EU-Bürger an unserer Ostgrenze selbst ereilen.



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